Vor dem Schloß von Heidelberg

Ihr makelloses Gesicht zeigt nicht die kleinste Erhebung, nicht den kleinsten Schatten in der vollen Mittagssonne.
Ihr blaues Kleid gibt den wundervollsten Kontrast zu den frischen, noch hellgrünen Blättern der Bäume in den nahen Wäldern.
Ihre glatten, blonden Haare werden sanft von der Brise umspielt, die der Wind vom Fluß bringt.

Die über ihr herfliegenden Vögel suchen laut zwitschernd und übermütig ein neues Zuhause für den Nachwuchs.
Der Wind berührt ganz sanft die feinen Haare ihrer von Sonnenstrahlen beschienen Arme.
über ihr thront das mächtige Schloß mit seinen roten Mauern, und man hört leises Plätschern vom nahen Brunnen.

Nichts, was den Augenblick trübt.
Kein Antlitz, das schöner wäre, nirgendwo Bewegungen, die weiblicher wären.

Man möchte den Augenblick einrahmen, für immer darin verweilen.
Wäre man Maler, würde man die Staffelei aufbauen und mit Hingabe zu malen beginnen.
Wäre man Komponist, würde man versuchen, das blaue Kleid, die roten Mauern, die blonden Haare in Musik gießen, diese Vollkommenheit in jeder Note zum Ausdruck zu bringen.
Wäre man Dichter, würde man ein Gedicht schreiben, sodaß der Leser sehen kann, was nicht zu begreifen ist.

Das festhalten, was vergänglich ist.

Zum immer wieder ansehen, anhören, nachlesen.
Den Moment immer wieder erleben.
Bis er vergangen ist.
Bei beiden.

– Thomas Prokosch

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